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Friedrich Ach, Nürnberger Schriftsteller

Friedrich Ach, Nürnberger Schrifsteller
Friedrich Ach, Nürnberger Schrifsteller

 

Unterwegs sein

 

Ich bin unterwegs. Ich fahre dort, wo einst die erste deutsche Eisenbahn fuhr. Die blauen Wände der U-Bahn-Haltestelle, die den Namen Bärenschanze trägt, erinnern mich an die erstickende Nässe einer Dusche in einem städtischen Hallenbad. Gleichzeitig muss ich an die Badezimmer-Collage Nr. 3 von Tom Wesselmann und an ein Swimmingpool-Bild von Mister David Hockney denken.

Auf dem Weg zur nächsten Station erinnere ich mich plötzlich an ein Bild von Arnold Böcklin: Ein Boot im ruhigen Wasser auf dem Weg zur Toteninsel. Mein Tagtraum endet mit fragmentarischen Eindrücken, die wohl Erinnerungen an die lichthellen See-Bilder des William Turner sind.

Minuten später stehe ich vor dem Hauptbahnhof. Am Himmel erblicke ich eine Wolke, die aussieht wie ein großes Sektglas.

Es ist so, als hätte ein Motiv von René Magritte die Leinwand oder ein Gedanke von Ludwig Wittgenstein sein Buch verlassen, um das Weltbild derjenigen in Frage zu stellen, die gerade jetzt zum Himmel sehen.

Wenn so etwas geschieht, wenn die vollkommene Übereinstimmung von Inhalt und Form die genaue Benennung der Dinge fragwürdig werden lässt, dann rutscht für einen Augenblick der Vorhang, der uns sonst davor schützt, das zu sehen, was wir noch nicht sehen sollen. René Magritte und Ludwig Wittgenstein haben versucht diesen Vorhang ein bisschen anzuheben.

 

Eine Straßenbahn klingelt. Ich drehe mich um.

Und als ich wieder nach „meiner“ Wolke sehe, ist sie nur noch eine Wolke unter anderen. Schade, dass manchmal gerade die magisch-phantastischen Ereignisse so schnell vergehen, als wären sie nie gewesen.

 

© Friedrich Ach

Gelesen am 10. 05. 2012 in Nürnberg, im Konsulat von Chronos Somnium